Wende am Tiefpunkt: Die Leistungszentren

Als Jugendlicher wurde Patrick Herrmann, hier in seinem damaligen Internatszimmer, bei Borussia Mönchengladbach ausgebildet und auf seine jetzige Profilaufbahn vorbereitet.

Das bittere Aus bei der EURO 2000 in Belgien und den Niederlanden, als die deutsche Nationalmannschaft mit nur einem Zähler und einem Tor in der Vorrunde scheiterte, war der Tiefpunkt: Um die Jahrtausendwende erlebte der deutsche Fußball eine sportliche kritische Phase.

Der Anschluss an die internationale Spitze, die man in den Jahrzehnten zuvor durch die Nationalelf und die Bundesliga-Clubs mitgeprägt hatte, war verloren. Es fehlten ein professioneller Unterbau, Spieler von Weltklasseformat und solche, die es werden konnten. Ein Neubeginn musste her, um den deutschen Fußball wieder zu alter Stärke zu führen. Was folgte, war eine radikale Umstrukturierung der Nachwuchsförderung, die mittlerweile weltweit als beispielhaft bezeichnet wird und 2014 in Brasilien mit dem Gewinn des vierten Weltmeistertitels ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

Unmittelbar nach der EURO 2000 zogen die Bundesliga-Clubs und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Notbremse. Die Nachwuchs- und Eliteförderung wurde umfassend erneuert. Als großes Vorbild und Orientierungshilfe galt insbesondere die Nachwuchsarbeit des damaligen Welt- und Europameisters Frankreich am Stützpunkt Clairefontaine. Schnell wurde eine Task Force gegründet, deren Aufgabe es war, ein Konzept für die deutsche Nachwuchsförderung der Zukunft zu erstellen. Der damalige Ligaausschussvorsitzender Gerhard Mayer-Vorfelder, ab April 2001 auch DFB-Präsident, erklärte das Projekt zur Chefsache, beim im Dezember 2000 gegründeten Ligaverband um seinen ersten Präsidenten Werner Hackmann stand das Thema ebenfalls sogleich ganz oben auf der Agenda. Der DFB hob ein Talentförderprogramm aus der Taufe und investierte Millionen in das Stützpunkttraining und die dort tätigen Honorar-Trainer. Am 28. Februar 2001 beschloss der Ligaverband die für alle 18 Bundesliga-Clubs verbindliche Einführung von Leistungszentren für Nachwuchsspieler, seit 2002 auch eine Vorgabe für die 2. Bundesliga – und seitdem auch Teil des Lizenzierungsverfahrens.

Eine eigene Philosophie für jedes Leistungszentrum ist ebenso gefragt wie ein Angebot für Schule oder sonstige berufliche Chancen – damit die Jugendlichen auch außerhalb des Fußballs eine Zukunft haben.

Bei der Einführung eines ganzheitlichen Ausbildungskonzepts zur Unterstützung der Clubs bei der Entwicklung der Talente ging es nicht um eine Vereinheitlichung bestimmter Spielsysteme. Vielmehr sollten im Sinne der fußballbegeisterten Kinder und Jugendlichen Strukturen geschaffen werden, die Erfolge im Spitzenbereich überhaupt erst möglich machen. So wurden zunächst ein Anforderungsprofil und ein Themenkatalog erstellt. Zur Saison 2007/08 führte die DFL in Zusammenarbeit mit dem belgischen Unternehmen double pass das heutige Zertifizierungsverfahren ein (siehe auch "Das Lizenzierungsverfahren).

Nachwuchsspieler, die in den Leistungszentren ausgebildet wurden, avancierten im Laufe der vergangenen Jahre zu Weltklassespielern, die den internationalen Fußball heute mitprägen. Thomas Müller wurde mit 20 Jahren Torschützenkönig der WM 2010 in Südafrika, Manuel Neuer von 2013 bis 2015 dreimal in Folge zum Welttorhüter gewählt. 2013 sah die Welt im Londoner Wembley-Stadion mit dem Aufeinandertreffen zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund (2:1) das erste rein deutsche Champions-League-Finale – auf beiden Seiten gespickt mit Spielern, die die Leistungszentren durchlaufen haben. Als Höhepunkt dieser Entwicklung schoss Mario Götze die Nationalelf im Finale gegen Argentinien in der Verlängerung das Tor zum 1:0 zum vierten Weltmeistertitel.

In der Saison 2014/15 überschritten die Investitionen der 36 Proficlubs in ihre Leistungszentren die Gesamtsumme von einer Milliarde. Pro Saison fördern die 36 Clubs ihre Talente regelmäßig mit mehr als 100 Millionen Euro. Der Anteil der deutschen Spieler im Lizenzfußball hat seit Einführung der Leistungszentren im Jahr 2001 um zehn Prozent zugenommen; im selben Zeitraum ist das Durchschnittsalter der Bundesliga-Profis von über 27 auf knapp 25 Jahre gesunken. Die Basis für Erfolge und positive Entwicklungen wurde in den 36 Leistungszentren der Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga gelegt.